Zwischen Protest und Verachtung


Ab und zu nehmen wir uns in diesem Blog die Freiheit, auch redaktionell auf Mails zu reagieren – in diesem Fall auf die Frage nach Wagenfeld und welche besondere Bedeutung er für Drensteinfurt hat. Für Auswärtige und Zugezogenen ist die latente Verehrung dieses Rassisten und Menschnverächters, der zu den Wegbereitern der Nazi-Diktatur in Westfalen zählt, schwer nachzuvollziehen(siehe diesen Blog-Eintrag). Nicht umsonst wurden außerhalb Drensteinfurts in den letzten Jahren zahlreiche Schulen und Straßen umbenannt, weil der Name dieses Menschen in dem Stadtbild einer aufgeklärten Kommune einfach nicht zu suchen hat.

In Drensteinfurt ist das anders. Da hat man zunächst einmal an die Kosten für eine Umbenennung gedacht, dann an die Tradition und dann an die Umstände, die eine solche Umbenennung nach sich ziehen könnte. Von nachgerichteter Bedeutung war der historische Fakt, dass das Gedankengut Wagenfelds zu sechs Millionen ermordeter Juden geführt hat, darunter auch Mitbürger aus Drensteinfurt. Eigentlich ist an dieser Stelle alles gesagt, da sowohl die CDU-Ratsmehrheit als auch die Mehrheit der Bevölkerung an einem Straßennamen nach Wagenfeld nicht Anstößiges finden und sich mit einer erläuternden Schildunterschrift begnügen.

Doch dann kommen langsam die Erinnerungen hoch, wenn man auf dem Weg zu einer Ratssitzung unter dem Schild mit dem Namen ‚Wagenfeld‘ entlang geht, wenn man die Bilder aus den Filmen ‚Shoah‚, ‚Holocaust‚ und ‚Schindlers Liste‚ vor Augen hat, wenn man den Prozess um die NSU-Morde in München verfolgt, wenn man den Abschlußbereicht der Bundestags-Kommision zum Versagen der Staatsschutz-Organe liest.

Das war eines Rechtsstaates unwürdig. Und das darf sich nicht wiederholen.“
Ausschussvorsitzende Sebastian Edathy (SPD)

Man erinnert sich, dass in der Weimarer Republik Demokratieverachtung, Rassismus und Judenhass bis tief ins bürgerliche Lager hinein verbreitet waren. Man vergegenwärtigt sich, dass sich der Westen Deutschlands Demokratie und Freiheit nie erkämpft hat, dass es Deutschland bis heute nicht geschafft hat, eine Einwanderungskultur zu entwickeln, dass die Verharmlosung von Rechtsterrorismus sich bruchlos seit der Weimarer Republik fortgesetzt hat.

Man möchte sich dann wünschen, dass Gesellschaft und Politik sorgfältiger  mit den Fundamenten der Demokratie umgehen und insbesondere auch im Ausland eine angemessene Portion Demut an den Tag legen, wenn es um die gesellschaftliche Verfasstheit anderer Staaten geht. Immerhin gehört Deutschland bis heute zu den wenigen Ländern, die die UN-Konvention gegen Korruption nicht ratifiziert haben – ebenso wie u.a. Syrien und Norkorea. Dieses Gesetzesvorgaben ist bisher am Widerstand der Parlamentarier von CDU, CSU und FDP gescheitert. Die christlichen Parlamentarier weigern sich ebenso wie die Berufs-Liberalen gegen ein Gesetzesvorhaben, dass Abgeordnetenbestechung in Zukunft unter Strafe stellen würde.

Und dann sieht man die Menschen, die in Spanien, Italien und der Türkei auf die Straße gehen und man kommt auf den Gedanken: Wenn im Park von Istanbul die Menschen gegen die Staatsmacht, für Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie kämpfen, dann – ist da mehr Europa als bei einem Drensteinfurter Schützenfest im Schlosspark!

„Wir wollen in keinem Staat leben, in dem der Gebrauch von Alkohol mit Drogenkonsum gleichgesetzt wird und Frauen sich dafür schämen müssen, Sex vor der Ehe zu haben.“
Bedri Baykam,Taksim-Platz, Istanbul

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