Wir Digitalnutten


Um die Einleitung rasch hinter uns zu bringen: Ja, die NSA gibt es noch! Ja, unsere Daten werden immer noch abgehört! Ja, wir speisen unsere privaten Informationen immer noch in die Speicher der IT-Kraken NSA, Yahoo, Apple, Facebook, Amazon und Google ein.

Also hat sich nicht geändert? Doch: Die NSA hat zugegeben, Bürgerinnen und Bürger der USA illegal abzuhören. Das ganze ist natürlich unabsichtlich geschehen. Der Spiegel hat aufgedeckt, dass Daten von Patienten und Ärzten millionenfach verhökert werden. Datenschützer sprechen bereits von einem der „größten Datenskandale der Nachkriegszeit“ – ohne eine Reaktion von Politik und Staatsanwaltschaft.

Und was tun wir Digitalnutten im florierenden Gewerbe der horizontalen Datenproliferation? Wie verhalten wir uns angesichts der Ausbeutung privatester Daten bis tief hinein in die Innereien unserer Körper? Wir präsentieren uns mit herunter gelassener Unterwäsche auf den Tanztischen einer vernetzten Welt, deren komplexe Zusammenhänge wir uns von den Zuhälter-Ringen aus Geheimdienst, DataCenter-Betreibern und Werbebranche erklären lassen. Wir verkaufen unser Ich als Teil eines Datenpakets, dessen Zusammenschnürung an die Manipulations-Papiere der Bankenkrise erinnert.

Unsere Individualität wird im Massenbetrieb des Datenabmelkens geschreddert, zusammengemixt und marktkonform aufbereitet einer gewinnbringenden Anschlussverwertung zugeführt. Wenn man nach seiner Arbeitskraft, nach seinem Körper, nichts mehr hat – dann bleiben immer noch die Datenspuren, die man im Internet hinterlässt. So ist der zynische Vertrag auf einseitige Ausbeutung des informationell abhängigen Bürgers das letzte noch festzuhaltende Zeichen von der Existenz jener Individuen, deren Seele und Verstand sich in den Irrwegen zwischen den Routern dieser Welt aufzulösen beginnt.

Wir Digitalnutten geben unterwürfig unser Innerstes preis. Wir Digitalnutten erfreuen uns an dem fortgesetzten Missbrauch unserer Menschenwürde. Wir Digitalnutten laben uns an den Produkten von Ausbeutung und Unterwerfung. Keine AGB ist uns zu schmutzig, keine Datenweitergabe zu pervers, als dass wir nicht für einen Blow-Job bereit stehen würden. Und wenn wir runter gehen müssen auf die Knie, dann wollen wir wenigstens, dass unser Hintern auch überall in möglichst bester Auflösung zu sehen ist.

Nein – es ist noch lange nicht zu Ende. Es hat gerade erst begonnen. Erst wenn wir Digitalnutten unsere eigene Glückseligkeit nur noch in der vollständigen Verschmelzung mit den Datenspeichern in den Felsendomen von Utah empfinden können, sind wir im digitalen Nuttenparadies angekommen. Bis dahin braucht es nur noch wenige programmierte Algorithmen und eine Handvoll zusätzlicher PetaByte an Datenspeicher.

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