Die Raute und der Finger


Endlich ist es soweit: Der Wahlkampf hat ein heißes Thema, dass nicht nur die gewöhnlichen Verdächtigen aus der Welt der Politik elektrisiert, sondern auch an Stamm- und Küchentischen in der Republik heftig diskutiert wird: die Fingerhaltung der Spitzenkandidaten von SPD und CDU!

Zunächst hatte die Merkel-Union in diesem Wettstreit vorgelegt. Mitten in Berlin hängt es an der Fassade des Berliner Hauptbahnhofs, protzig wie das Konterfei eines Alleinherrschers in Mittelasien. Doch es ist nur ein Händepaar – zusammengelegt zu DER Ikone der vergangene acht Kanzlerinnen-Jahre: der Merkel-Raute.

Leider kann der Maler des Händepaar-Klassikers schlechthin – Albrecht Dürer – seine Stilkritik dazu nicht mehr äußern. Anders als z.B. der Tagesspiegel, der wie viele andere Leitmedien bewundernd vor diesem PR-Coup in die Knie geht vor der Genialität der CDU-Wahlkämpfer.

Das Oppositionslager schien dieser Kampagne, die auch noch durch einen Hauch Selbstironie veredelt wird, wenig entgegen setzen zu können. Es mangelt in ihren Reihen schlichtweg an Charakteren, die sich positiv von Merkel absetzen. Und so konnte die totale CDU-Werbung von Berlin aus ihre ‚meditative Wirkung‘ (Tagesspiegel) in ganz Deutschland entfalten.

Konnte – bis zur Veröffentlichung des Foto-Shootings von Peer Steinbrück beim SZ-Magazin. Die Wellen in allen Medien, in den Netzwerken welcher Art schlugen hoch. Es folgten wütende Repliken von FDP und Union.

Insbesondere konservative Medien, die den SPD-Kanzlerkandidaten bereits seit Monaten heftig attackierten, reagierten scharf. Dies wird auch darauf zurück zu führen sein, dass ja gerade diese Medien von Steinbrücks Geste kritisiert werden für deren unsachliche Berichterstattung in den letzten Monaten.

Zusammenfassend folgert die ‚taz‘ zu diesem Thema unter der Überschrift ‚Phallus folgt auf Vagina‘‚:

Es könnte aber sein, dass sie ihn „kanzlerabel“ macht – bei allen Menschen, die den Mehltau von „Muttis“ einlullend-präsidialem Regierungsstil noch nicht vollends verinnerlicht haben. Steinbrücks Stinkefinger ist kein Skandal. Sondern der einzig denkbare Gegenentwurf zur Merkel’schen Raute.

Steinbrück hat sich so inszeniert, wie ihn die Menschen kennen – als raubeiniges Kampfschwein, dass auch mal die Kavallerie ausreiten lässt. Und zurecht verweist der ‚Spiegel‘ darauf, dass in diesem Gegenentwurf die letzte Chance von Steinbrück liegen könnte:

Steinbrück gibt sich unbeirrt. Er wollte das Foto, unbedingt. Seht her: So bin ich. Er hofft, dass es sich auszahlt. Doch seine Leute wissen auch – es ist ein riskantes Manöver.

In acht Tagen haben wir die Wahl: Auf der einen Seite der nahezu bewegungslose Eishai, der hinter der Raute des Grauens lauert und nur darauf wartet, die sedierten Opfer kaltblütig zu verschlingen. Auf der anderen Seite eine überbordende Portion Testosteron, dass sich wie ein aufgepeitschtes Kavalleriepferd vor einer Schlacht nur mühsam beherrschen kann.

Hinter diesen Bildern und Metaphern stecken aber nicht nur andere Personen – es geht auch um einen anderen Gesellschaftsentwurf. Merkel wird die Bundesrepublik in ein digitales Neobiedermeier führen, in der Ruhe erste Bürgerpflicht und Aufgabe von Verfassungsrechten die Regel sein wird. Steinbrück verkörpert einen ungestümen Aufbruch, der von den Menschen einiges abverlangen wird, weil die Probleme in Deutschland und Europa aus seiner Sicht weder mit der linken Hand gelöst noch aus der Portokasse finanziert werden können.

Raute oder Stinkefinger – nie waren die Unterschiede so deutlich wie heute.

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