Ganz tief in der Scheiße


Seit im Sommer 2013 die Veröffentlichung der Snowden-Dokumente den größten Abhör-Skandal der Geschichte losgetreten hatte, hat sich unser Wissenshorizont über die modernen Fähigkeiten der Geheimdienste schlagartig erweitert. Insbesondere dem Team um Glenn Greenwald ist es gelungen, die faschistoiden Machenschaften britischer und amerikanischer Geheimdienste zu entlarven.

Doch die anfängliche Empörungswelle ist längst abgeebbt. Pünktlich zum 30C3 in Hamburg titelte der SPIEGEL:

Nerds im Schockzustand

Und tatsächlich scheint die globale Nerd-Community immer noch den Realitätsschock verdauen zu müssen, den Edward Snowden ihnen verpasst hat – trotz aller Beteuerungen der Experten, dass man dies ja im Prinzip immer schon gewusst hätte.

Betrachtet man die Situation jenseits elegischer Hacker-Heldentaten-Verehrungen, sieht die aktuelle Situation nach sechs Monaten NSA-Skandal verheerend aus:

  • Die Gemeinschaft der technischen und wissenschaftlichen Experten, die sich gegen die Massenüberwachung einsetzen, ist mehr mit sich selber beschäftigt als dass sie eine kohärente technische und politische Strategie entwickelt, den andauernden Verstoß gegen grundlegende Menschenrechte zu unterbinden.
  • Anstelle geschlossen Widerstand gegen die Massenüberwachung zu leisten, verschwendet die Nerd-Community Zeit und Energie mit der Entwicklung von Technologien, die weder massenhaft einsetzbar noch nutzbar sind für den Wald-und-Wiesen-User.
  • Die Geheimdienste werden ihre bisher wenig erfolgreichen Versuche, auch letzte Rückzugsgebiete für Privatheit wie das Tor-Netzwerk zu korrumpieren, weiter fortsetzen.
  • Die Stellungsnahmen aus der Politik verschwinden rasch wieder aus den Schlagzeilen oder tauchen schon gar nicht mehr dort auf, wie z.B. die Weigerung der Grünen im Landtag von Nordrhein-Westfalen, sich gegen die Vorratsdatenspeicherung einzusetzen.
  • Mit Internetminister Dobrindt wurde ein Politiker auf das Internet angesetzt, der nicht nur inhaltlich vollständig planbefreit ist, sondern der diesen Posten lediglich als Durchgangsstation für höhere Aufgaben in Bayern begreift.

Es scheint im Moment, als verharre die Öffentlichkeit in der Erwartung eines ‚digitalen Fukushimas‘, von dem die verantwortlichen in Konzernen, Politik und Geheimdiensten hoffen, dass er nie eintreten wird. In dieser Warteschleife ist auch die Gegenbewegung gefangen – und stirbt dort den langsamen Tod durch Ideen- und Bedeutungslosigkeit. Die verbliebene Rest-Kreativität hat noch nicht einmal ausgereicht, ein Motto für den 30C3 zu entwerfen. Stattdessen wird hilflos zu einem gemeinsamen Widerstand aufgerufen unter dem Motto

SysAdmins of the world, unite!

Zurecht fragt Jeff Jarvis daher in einem ZEIT-Kommentar:

Und wo sind all die Techniker? Es ist höchste Zeit, dass sie mit einer ernsthaften Debatte darüber beginnen, welchen Prinzipien sie folgen wollen und wo die Grenze ihrer nicht unerheblichen Macht liegt.

Und er zieht im weiteren eine historische Parallele. Nach dem zweiten Weltkrieg hat es – angetrieben von den verheerenden Folgen der Atomwaffen-Einsätze in Hiroshima und Nagasaki – einen weltweiten Kampf gegen die Nuklearwaffen gegeben. Ein wesentlicher Diskussionspunkt war die Frage, in wie weit sich Wissenschaft und Technik selber Schranken auferlegen müssen: Darf alles umgesetzt werden, was technisch möglich ist?

Dieser ethische Diskurs ließe sich eins zu eins von Massenvernichtungswaffen auf die Informationstechnologie übertragen: Rechnersysteme werden infiziert, Kommunikationstechnologie wird verseucht und die Angst vor der Überwachung strahlt in den Alltag hinein. Unsere Schere im Kopf wird immer präsenter. Jarvis fordert präzise:

Computerforscher und Datenanalysten sind die Atomwissenschaftler unserer Zeit, sie betreiben Technik, die für Gutes und für Böses benutzt werden kann. Sie müssen sich eine Ethik schaffen, nicht bezogen auf die Handlungen der Regierungsspione, sondern bezogen darauf, wie sie selbst mit ihrer Macht umgehen, wenn Geheimdienste, Regierungen oder gar ihr eigener Arbeitgeber von ihnen verlangen, unsere Privatsphäre zu verletzen, unsere eigenen Daten gegen uns zu verwenden oder unsere Redefreiheit einzuschränken. Die Techniker müssen entscheiden, was zu weit geht. Sie müssen die Frage beantworten, auf wessen Seite sie stehen. Ich schlage einen Hippokratischen Eid vor, dessen oberstes Prinzip lauten sollte: Schade keinem Nutzer.

Wenn man sieht, wie weit man von einer solchen politischen Kampagne entfernt ist, begreift man erst, wie tief wir in der Scheiße sitzen. Um da raus den ersten Schritt zu tun, müsste die Nerd-Community endlich aus den Server-Räumen heraus krabbeln und sich in die Diskurs-Schlachten von Politik und Gesellschaft hinein wagen.Wir stehen heute vor dem Phänomen, dass eine gut informierte, technisch versierte Eliten-Generation sich als unfähig erweist, sich für ihre eigenen Rechte einzusetzen. Die – gerade von dieser Generation belächelte – Anti-AKW-Bewegung war da aus einem ganz anderen Holz geschnitzt, wie die historischen Widerstands-Bilder aus Wackersdorf, Brockdorf und Gorleben eindrucksvoll zeigen.

Doch da bleibt der gemeine Nerd doch  lieber auf seinem Sofa sitzen und überlässt das Feld informationellen Geisterfahrern, ehe er in der analogen Öffentlichkeit Meinung und Haltung beweist.

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