Die Generation der Gefügigen


Wenn sich im Juni der Tag der ersten Snowden-Veröffentlichung jährt, können wir auch auf einen zwölfmonatigen Lernprozess zurück blicken. Aus den vielen Weiterbildungsmodulen – von amerikanischer Überwachungstechnologie über deutsche Regierungsunterwürfigkeit bis zum schamlosen Zu-Kreuze-kriechen der GroKo – wählen wir für diesen Beitrag das Versagen der digitalen Elite aus.

Stand heute (04.06.2014) wissen wir, dass nun auch der Bundesnachrichtendienst (BND) plant, die sozialen Netzwerke in Echtzeit auszuspionieren. Verfassungsjuristen haben bereits die Auslandsaufklärung des BND heftig kritisiert, da sie „quasi im rechtsfreien Raum erfolge“. Die kleine Opposition im Bundestag aus Linken und Grünen ist empört, aber zu schwach, um dagegen zu halten. Und was machen die Netzbürger, die ‚digital Natives‘, die Bewohner der Blogosphäre? Sie tauchen ab unter den Wahrnehmungsradar der politischen Öffentlichkeit.

Vor vier Wochen ging Sascha Lobo in seinem Vortrag ‚Ihr habt versagt‘ auf der res:publica 2014 mit der Netzgemeinde hart ins Gericht und gewährte einen ungeschminkten Blick auf die hässliche Fratze des Totalversagens einer privilegierten gesellschaftlichen Gruppe. Doch nun, da sich selbst nach dem Bekanntwerden der Regierungspläne zur Ausweitung der Totalüberwachung keine Spur von Widerstand regt, muss eine tiefer Analyse der ‚Generation der Gefügigen‘ erfolgen.

In einer gesellschaftlichen Elite, in der sich das Web 2.0 als Backbone für soziale Kontakte etabliert hat, hat sich eine fatale Abhängigkeit der Menschen von Technologie und  Technologieanbietern entwickelt. Entscheidend ist dabei, dass nicht nur die Kommunikationsform (Chat, Messaging, Social Network, …) Abhängigkeiten erzeugt, sondern dass eben auch bestimmte Technologieanbieter (Google, Facebook, What’s App, Telegram, …) die User an sich ketten. Diese Abhängigkeit wird von den Usern bewusst in Kauf genommen, da nur auf diesem Wege eine digitale Optimierung des eigenen Lebensstils erreicht werden kann.

Kurz gesagt: Wenn ich neben Karriereplanung, Fitness-Aufbau und Geschlechtsleben mich nebenbei auch noch selber um Webseiten- und Kontaktpflege kümmern muss, lass ich dies doch besser meine Maschine erledigen. Wenn ich dabei mit meinem konformitätssüchtigen Ich auch noch im Strom der Konformisten mitschwimmen kann, lasse ich mich zusätzlich auch noch von der Maschine steuern. Dabei wird mir die Last des selber Entdeckens und Erkundens, das Wagnis beim Erforschen von neuen Wegen und das Risiko des Scheiterns in hohem Maße abgenommen.

Diese Dienstleistung hat aber einen Preis: die Preisgabe der eigenen Person in Form von Daten und Datenspuren. Die Bewohner des Digital Space sind aber allzu leicht bereit, auf diesen Tausch einzugehen, da ihnen die von der Ego-Gesellschaft getriebene Selbstoptimierung alle Opfer wert sind, bis den Usern nur noch die Existenz als auszubeutende Daten-Monade bleibt. Er ist dann das digitale Werkstück, an dem Angela Merkel ihre Agenda von der ‚marktkonformen Demokratie‘ ansetzen lassen kann. Er ist die geistlose Hülle, die sich mit einem ‚Die Affäre ist beendet‘ begnügt. Sie ist eine Restrepräsentation von einem Menschen, die das Menschsein aufgibt zu Gunsten einer reinen Maschinenexistenz.

Dass man nur noch Maschine, aber nicht mehr Mensch ist, spielt bei diesem Grad an pathologischem Verhalten keine Rolle mehr, da sich ja das gesamte, sauber ausgefilterte Umfeld ebenso machinenkonform verhält. Der Referenzhorizont – die Sehnsucht nach einer besseren Zukunft – verschwindet hinter Wellness-Oasen und Fitness-Centern, hinter Apps und Smartphones, die einem vorgaukeln, dass es keine besser Zukunft geben kann als gerade diese, die eigene Blasen-Gegenwart.

Protest ist die Antithese zur Maschinenexistenz. Daten-Monaden sind handzahm, angepasst gefügig. Widerstand muss erlernt und vorgelebt werden. Anpassung wird aufgesogen und sickert ins Gehirn. Gegenaktion erfordert Energie und Kreativität, Konformität speist sich aus Antriebslosigkeit und geistiger Leere. Selbst das Versagen der Bundesanwaltschaft, die wegen des Merkel-Handys ermitteln will, aber die millionenfache tägliche Massenüberwachung tatenlos hinnimmt fällt auf keinen fruchtbaren Boden, sondern verdorrt in der geistigen Wüstenei zwischen Prono-Streams, Katzenvideos, Hashtags und Google Calendar.

Der ‚Digital Failed State‘ ist eben nicht nur ein Staat, der von oben versagt. Er bezeichnet eben auch eine Gesellschaft, die schon mit den Füßen im Morast steckt und dabei technische Werkzeuge und menschliche Talente verschleudert. Die Kraft dieser Gesellschaft reicht dann noch dazu aus, Briefe an die Kanzlerin zu schicken. Die Mahnwache an der BND-Zentrale hat dann zwischen zwei Tweets keinen Platz mehr.

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Eine Antwort zu Die Generation der Gefügigen

  1. Christine schreibt:

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    vielleicht sollten Sie erstmal Ihren Server in USA abstellen.

    Gefällt mir

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