Das rutschende Fundament


Juli Zeh nahm das Bekenntnis des US-Präsidenten Barack Obamas zu den Folterungen seiner Geheimdienste zum Anlass, um in bemerkenswerter Weise auf die Erosion der Demokratien in Europa und Nordamerika hinzuweisen:

„Damit gerät das gesamte Fundament der demokratischen Idee ins Rutschen, denn Menschenwürde kann man nicht ausknipsen wie eine Verhörlampe. Sie ist entweder unantastbar, und zwar immer und für alle – oder existiert nicht mehr.“
Juli Zeh, DER SPIEGEL 33/2014

Eine Woche zuvor hat Lars Brandt in einem SPIEGEL-Essay auf die Gefahren des weichgespülten europäischen Faschismus hingewiesen, dem eine entpolitisierte Gesellschaft gegenüber steht, die es verlernt hat, sich für Demokratie und Freiheit einzusetzen und ihre grundlegenden Werte verleugnet.

Gleichzeitig beherrscht das Buch ‚The Circle‘ von Dave Eggers seit seiner Deutschland-Veröffentlichung Anfang August die Literaturseiten der großen deutschen Medien. Beschrieben wir in diesem Roman eine Zukunft, die als Synthese aus Orwells ‚1984‘, Huxleys ‚Schöne neue Welt‘ und dem Geschäftsmodell von Google erscheint:

„Aus Freiwilligkeit wird Zwang, aus Aufklärung Despotismus, aus Einzigartigkeit Konformität, und die letzten Außenseiter, die sich diesem Terror der Sichtbarkeit widersetzen wollen, brechen zusammen oder kommen ums Leben“
Der ditte Kreis der Hölle, FAZ-Kritik zu ‚The Circle‘, Andreas Bernard

Und jedes Mitglied der Piraten-Partei könnte sicher gut erklären, wie Transparenz zu Totalitarismus mutiert.

Glücklicherweise bleibt Bernards Kritik nicht bei der Buchbesprechung stehen, sondern legt die Fährte für einen interessanten Argumentationsstrang, der uns wieder zu Juli Zeh zurückführt. Zum einen erinnert Bernard zu Recht daran, dass die harmlose Volkszählung in den 80er Jahren Millionen von Menschen auf die Straße gebracht hat. Zum anderen weist er darauf hin, dass das Sich-Entziehen aus dem System nahezu unmöglich ist. Haben wir es bei den Klassikern aus dem letzten Jahrhundert noch mit Protagonisten zu tun, die latente oder aktive Dissidenten sind, bietet ‚The Circle‘ eine solche Figur, die um der Humanität willen Widerstand leistet, gar nicht mehr an. Die Begründung aus der Sicht Bernards:

Die Normierungsprozesse sind womöglich noch effektiver geworden, aber es gibt keinen lokalisierbaren Gegner, keinen „Weltaufsichtsrat“ oder „Gehirntrust“. Mae Holland entzieht sich den Bildschirmen nicht, sondern bekommt desto mehr von ihnen als Statussymbol auf den Schreibtisch gestellt, je höher sie im Ranking des Unternehmens steigt.

Eggers ‚The Circle‘ beschreibt, wie die Lampe der Humanität ausgeknipst wird und wie die Dämonen in dieser Dunkelheit ihr zerstörerisches Werk verrichten in einer Gesellschaft, die es verlernt hat, für ihre Werte einzustehen.

Was geben wir eigentlich auf, wenn wir der totalitären Transparenz und den faschistischen Konformitätsdruck das Feld überlassen, wenn wir uns nicht für das Recht des einzelnen Menschen einsetzen auf ein Leben in Würde? Welchen Verlust erleiden wir in einer durchgoogelten Facebook-Gesellschaft, von deren Rändern die braune Brühe langsam wieder in die Mitte der Gesellschaft einsickert?

Eine Idee, welche Bedrohung von dem rutschenden Fundament unserer entfesselten Digitalgesellschaft ausgeht, vermittelt der Text ‚Was macht eine Stadt urban?‚ von Prof. Dr. Walter Siebel. Zur Anonymität der Stadt schreibt er:

Die Anonymität der großen Stadt ist die Voraussetzung dafür, daß abweichendes Verhalten seine Nischen findet, in denen es sich entfalten kann, unbemerkt von Verwandten, Nach barn oder der Polizei.

Zwar sieht auch Siebel die Gefahren einer anonymen Großstadt, doch bleibt als Alleinstellungsmerkmal das Potential zur Veränderung, welche sich aus der Begegnung mit dem Fremden ergibt:

Die Kritik an der großen Stadt hat damit durchaus Recht, aber sie hat zugleich auch Unrecht, denn sie verkennt, daß eben das, was sie kritisiert, Voraussetzung ist für die Hoffnungen und Versprechungen, die sich von je her mit der großen Stadt verbunden haben. Die Stadt ist in der Tat Ort der Begegnung mit dem Fremden, aber eben darin liegt auch die Chance, neue, überraschende Erfahrungen zu machen, also zu lernen und so sich auch zu verändern.

Jan Wehrheim wird in seinem Dossier für die ‚Bundeszentrale für die politische Bildung noch deutlicher:

Die anonyme Großstadt stellt die Nischen bereit, um sich von der dominanten moralischen Ordnung zu emanzipieren

Wo das Dorf die soziale Kontrolle dank ländlicher Strukturen perfektioniert, bietet die frei machende Stadtluft als gesellschaftlichen Gegenentwurf dem Individuum einen Schutzraum an. Die Bedrohung im Falle totalitärer Transparenz wird nun tatsächlich greifbar:

Datenbanken mit digitalisierten Passfotos bieten die Basis dafür, alle Menschen oder selektiv bestimmte Gruppen permanent zu überwachen. Ob dabei der Besuch einer Schwulenbar, einer Synagoge, einer Moschee oder die Haut- oder Haarfarbe verdachtleitend ist oder vielleicht das längere Stehen an einer bestimmten Stelle, ist immer eine Frage von sich historisch verändernden Zuschreibungen und Machtverhältnissen. Die Anonymität und die unvollständige Integration der Großstadt, die es einem erlaubt, nur einen Ausschnitt seiner Persönlichkeit zur Schau zu stellen, Rollen zu wechseln, Stigmatisierungen zu umgehen, und damit die Freiheit der Großstadt, sich unerkannt für politisch marginale Positionen zu engagieren, Sexshops oder soziale Beratungsstellen aufzusuchen, würde unterminiert.

Wenn aber nun die Errungenschaft der Stadt, die individuellen Nischen, unter dem Konformitätsdruck wegbrechen, und selbst die Megacities der Weltkarte zu globalen Dörfern mutieren, rutscht das Fundament der Freiheit weg, auf dem sich die Moderne und ihre Versprechen von Freiheit und Humanität erst heraus bilden konnten. Wenn die Stadt unter dem Druck totalitärer Digitalisierung der Freiheit keinen Atem mehr geben kann, erstickt nicht nur die Würde jedes Einzelnen.

Wir stehen also an der Schwelle eines totalitären Regimes, dessen dörfliche Kontrollstruktur den Tod der Humanität nach sich ziehen würde. In letzter Konsequenz würden wir auf mittelalterliche Feudalherrschaft zurück geworfen, in denen der Einzelne sich unterzuordnen hat – oder untergehen muss.

 

HorizontWikipedia: The Horizont is a mechanical swing-lens, panoramic, camera. Produced in the Soviet Union in the 1960s, it has an all-metal, rectangular body and removable grip and viewfinder.

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