Die Sau in der Friedhofsruhe


Bevor man im globalisierten Internet-Zeitalter jeden Medienaufruhr mit ‚Hype‘ beschönigte, um unreflektiert der ‚Schwarm-Intelligenz‘ zu huldigen, sprach man einfach nur von der ‚durchs Dorf getriebenen Sau‘.

Ein solche getriebene Sau ist die Forderung nach einer ‚Ethik für Programmierer‘. Da häufen sich in letzter Zeit die Artikel, dass man schon wieder von einer Verschwörung der Mainstream-Presse sprechen könnte, wäre man Anhänger der AfD und triebe man sich auf den Putin-Versteher-Montags-Demos herum.

Wenn man diese Meldung an sich vorüberziehen lässt, dann gewinnt man zunächst den Eindruck, dass die Übernahme der Weltherrschaft durch Softwareentwickler kurz bevor steht – und dass es Menschen gibt, die dies als Bedrohung empfinden – wobei diese Personen natürlich weder eine Ahnung von Software-Entwicklung haben noch die Weltbeherrschungsfantasien eines Srat-Up-Geschäftsführers kennen.

Als nächstes hat man vor Augen, welche Berufsgruppen bereits heute Eide ablegen müssen, um ihren Beruf auszuüben. Nach den Ärzten kommen da unweigerlich Politiker und Beamte ins Blickfeld und man erkennt rasch, wie sinnlos berufsbezogenene Ideen von Eid und Ethik sind. Die CSU verdankt ihre Existenz schließlich einem vollständig amoralischen und korrupten Verhalten, das jeglicher christlichen Ethik Hohn spricht, was aber die PolitikerInnen der Christ-Sozialen nicht davon abhält, den Amtseid auf die Bibel abzulegen. Und die Kette von Organspende-Skandalen hat dazu geführt, dass die Spende-Bereitschaft der Bevölkerung einen historischen Tiefstwert erreicht hat.

Wenn aber diese Art von Eid und Ethik so offensichtlich nicht funktioniert, warum wird diese Sau dann berhaupt durchs Dorf getrieben? Wir vom Autorenteam Klaus Wallenstein diagnostizieren neben der von jeder Sachkenntnis befreiten Ahnungslosigkeit in erster Linie die nackte Verzweiflung. Angesichts der Unfähigkeit der PolitikerInnen und Strafverfolgungsbehörden (wohlgemerkt: alle haben einen Eid abgelegt!), den rechtsfreien Raum Internet einzuhegen und strenge Regeln für Datenschutz und Datensicherheit durchzusetzen, setzt man also auf die private Verantwortung. Das ist gerade so, als würde man den Verkauf von Waffen freigeben und überließe die Entscheidung jedem Menschen selbst, ob er mit einer automatischen Waffe durch die Straßen laufen darf .

Stimmt – in den USA darf ich das und kann über die Nutzung einer AK47 oder G3 selber entscheiden! Und spätestens an dieser Stelle sehen wir, dass auch die Grenzen Absurdistans durch die Globalisierung aufgehoben werden. Wenn also eine Regierung nicht mehr in der Lage und Willens ist, Recht und Gesetzt durchzusetzen, wenn rechtsfreie Räume entstehen, dann dokumentiert die Privatisierung von Ethik lediglich den zunehmenden Zerfall des Staates.

Deutschland ist digital gesehen ein ‚Failed State‘, unfähig, selbst primitivste Regeln durchzusetzen. Angesichts dieses Staatsversagens zieht sich die Regierung mehr und mehr auf die Sicherung kritischer Kernbereiche zurück, wie es im IT-Sicherheitsgesetz dokumentiert ist. Der Staatsbürger als Privatperson wird dagegen schutzlos auf dem virtuellen Schlachtfeld zurück gelassen mit den warmen Worten, dass hier die Ethik für Ordnung sorgen soll.

Wie gesagt – die Nutzung von Maschinengewehren in den USA sorgt auch auf Schulhöfen für Ruhe und Ordnung – in Deutschland nennt man dies ‚Friedhofsruhe‘. Und diese darf aus ethischen Gründen keinesfalls gestört werden.

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