Das letzte Bollwerk


Wenige Stunden nach den verheerenden Anschlägen von Paris blicken wir noch immer fassungslos in Richtung Seine ohne begreifen zu können, was sich dort in den letzten drei Tagen abgespielt hat. Doch die Weltgeschichte legt keine Pause ein und der Irrsinn rast unaufhaltsam weiter um den Erdball:

Zu den Lichtblicken in dieser Zeit zählt die Stellungnahme von  Bernard-Henri Levy. Er sieht für Frankreich und den Westen die Stunde der Wahrheit gekommen, in der die grundlegenden Werte der Aufklärung verteidigt werden müssen gegen den islamistischen Terrorismus. Er verlangt von seinem Heimatland, dass es mehr Weisheit aufbringt als die USA nach dem 11. September, die Angst überwindet und sich bei der Antwort nicht vom Hass leiten lässt. Levys Plan ist deutlich:

Der Islam muss vom Islamismus befreit werden. Immer wieder gilt es zu sagen: Im Namen Gottes zu morden heißt, Gott zu einem Mordanstifter zu machen.

Genau so, wie der Franzose einerseits von seinem Land Besonnenheit einfordert, sieht er andererseits den Islam vor der Herausforderung, nicht nur den religiös motivierten Killern entschlossen entgegenzutreten. Darüber hinaus muss der Islam seine Haltung zu den westlichen Werten von Demokratie, Freiheit und Toleranz klären.

Deniz Yücel wir da noch deutlicher:

Genauso unerträglich ist die Formel, die Morde von Paris hätten nichts mit dem Islam zu tun, die nun allenthalben bemüht wird, ob nun aus Furcht vor einem Aufflackern des Rassismus oder aus weniger ehrenhaften Gründen. Es ist Blödsinn. Denn den Islam gibt es nicht, der Islam ist die Summe dessen, was diejenigen, die sich auf ihn berufen, daraus machen.

Und was ein nennenswerter Teil daraus macht, ist Barbarei.

Doch während Marie Le Pen bereits die Einführung der Todesstrafe fordert und AfD und Pegida endlich ihrem Rassismus gegenüber den Muslimen freien Lauf lassen können, weist der Kommentar von Michel Reimon auf eine entscheidende Doppelzüngigkeit in der westliche Rethorik der Werteverteidigung hin:

Wir können uns mit Charlie Hebdo solidarisch erklären und Karikaturen abdrucken. Wir können Spenden für Flüchtlinge sammeln, Luftangriffe auf Stellungen des Islamischen Staates fliegen und al-Qaida-Führer mit Drohnen töten. Wir könnten auch die Überwachung unser aller Kommunikation weiter ausbauen und die Mauern um die Mittelmeerküsten noch höher ziehen.

All das wird nichts bringen, wenn wir zulassen, dass liberale Muslime für ein Jahrzehnt hinter Gitter gesteckt werden und Woche für Woche halbtot gepeitscht werden – und die radikalen Islamisten, die dieses Verbrechen begehen, als unsere Verbündeten hofieren.

Der Westen – speziell Europa – wird in diesen Stunden nicht nur brutal mit den Schrecken konfrontiert, die in Asien und Afrika alltäglich sind. Er kann auch der Erkenntnis nicht mehr ausweichen, dass alleine Worte bei der Verteidigung der Werte der Aufklärung nicht mehr ausreichen werden.

Die USA sind als glaubwürdiger Wächter von Meinungsfreiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit womöglich über Jahre ausgefallen. Das Abrutschen der Vereinigten Staaten in einen Failed State wird durch die Überwachungsparanoia der NSA eher vorangetrieben als verhindert. Und wo in Asien und Afrika Terrorgruppen wüten, auf denen die Regierungen mit Gegenterror antworten, wird Lateinamerika von der Drogenmafia und korrupten Polizeieinheiten in ein Schlachthaus verwandelt.

Angesichts dieses Irrsinns wirkte Europa immer mehr wie eine Insel der Stabilität. Dieser Selbstbetrug wurde mit dem Massaker in Paris nun entlarvt. Und wenn nun ein Aufstand der Aufrechten von der Politik ausgerufen wird, dann kann und darf dieser nicht bei dem Gedenken an die toten Journalisten stehen bleiben.

Nun geht es um mehr. Wenn das Bollwerk Europa halten soll gegen religiösen Fanatismus, wenn Demokratie, Freiheit und Toleranz von Europa verteidigt werden sollen, dann muss nicht nur schonungslos nach innen geschaut werden. Es muss aus diesen Geschehnissen endlich die Konsequenz folgen, dass sich die politische Elite nicht mehr hinter Sonntagsreden verstecken kann. Wir brauchen eine neue, schonungslose Ausrichtung des politischen auf die universellen Menschenrechte.

Wir stehen nun alle in der Verantwortung, dieses Ziel auch umzusetzen. Nichts weniger ist dem Gedenken der Toten von Paris angemessen.

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