Warten auf den kybernetischen Erstschlag


1947 startete die Doomsday Clock, eine Uhr, die die Wahrscheinlichkeit für einen Atomkrieg anzeigt. Eingestellt wird diese Uhr des jüngsten Gerichts vom Aufsichtsrat des Bulletin of the Atomic Scientists gemeinsam mit einem Sponsorenrat, in dem zurzeit (2015) 17 Nobelpreisträger vertreten sind. Seit dem 22. Januar 2015 steht diese Uhr auf ‚3 vor 12‘.

Angesichts der aktuellen Snowden-Veröffentlichung zu dem Angriff der NSA und des GCHQ auf den SIM-Kartenhersteller Gemalto stellen sich zwei Fragen:

  • Benötigen wir eine ‚Digital Doomsday Clock‘?
  • Welche Uhrzeit würde diese anzeigen?

Zur ersten Frage gibt es ausgerechnet diese Woche im Spiegel ein hochinteressantes Interview mit Luciano Floridi, Philosoph an der University of Oxford. Er fordert eine neue Informationsethik, um die ‚digitale Umwelt‘ vor den Kriegen im Cyperspace zu schützen. Darauf aufbauend müssen Regeln und Gesetze diesem Krieg Grenzen setzen:

Wir müssen so rasch wie möglich die Übergangsphase der Rechtlosigkeit beenden. Die gab es zur Blütezeit der Piraterie auch auf den Weltmeeren, bis das Seerecht die Freibeuter ächtete. Eine Art Genfer Konvention für den Cyberkrieg müsste als Erstes definieren, welche Rechner nicht angegriffen werden dürfen: zum Beispiel die Computer in Krankenhäusern, Altenheimen oder bei der Flugsicherung.
Luciano Floridi, Der Spiegel, 8/2015

Weiter plädiert Floridi dafür, den Cyberspace als ähnlich schützenswerte Umwelt wie die Biosphäre zu betrachten, da sich wesentliche Teile des menschlichen Lebens im 21. Jahrhundert in diesem Raum abspielen.

Die Chancen für eine ‚Cyberspace Schutzkonvention‘ schätzt er skeptisch ein:

Die Geschichte lehrt uns, das erst Tragödien wie Hiroshima und die Giftgasattacken im Ersten Weltkrieg geschehen müssen, bevor man sich auf internationale Regeln einigt..
Luciano Floridi, Der Spiegel, 8/2015

Erstaunlicherweise findet sich in der gleichen Ausgabe des Spiegel ein Interview mit dem Soziologen und Totalitarismusforscher Harald Welzer. Unter der Überschrift  Totalitarismus ohne Uniform warnt er vor dem Anbrechen der Diktatur im Cyberspace. Im Laufe des Gesprächs verweist er auf das Buch Analog ist das neue Bio, in dem André Wilken über die Protestbewegung gegen die Totalüberwachung schreibt. In der Huffington Post macht Wilken dabei deutlich, wie sehr er den Widerstand im Cyberspace an die Ökologiebewegung in der Biosphäre anlehnt:

Brauchen wir eine Bewegung ‚Zurück zu Analog‘? Vielleicht. Immerhin existiert BIO parallel zur konventionellen Lebensmittel Massenproduktion, kann und will diese aber nicht völlig ersetzen. BIO wird aber immer wichtiger und beeinflusst mit seinen Standards den Lebensmittel Mainstream.
So könnte es auch bei der Analog Bewegung sein, d.h. eine Bewegung, die mit immer mehr Bürgern den digitalen Mainstream so beeinflusst, dass Regeln und Verhaltensformen entstehen, die die digitale Welt nicht ignorieren kann. Beispiele gibt es schon: Buchladen statt Amazon, Cash statt Kreditkarten, Face2Face statt Facebook, Briefe statt email, Kino statt Netflix und auch wieder Denken statt nur Googlen.

Welzer, Wilken und Floridi legen in ihren Gedanken dar, dass es uns gelingen muss, die in der realen Welt entwickelten Mechanismen, Regeln und Verträge hinein in den Cyberspace zu transformieren. Denn wenn der Cyberspace eine Lebensumwelt analog zur Biosphäre darstellt, muss der dort existierende rechtsfreie Raum endlich in die Rechtstaatlichkeit überführt werden.

Benötigen wir dazu eine ‚Digital Doomsday Clock‘? Definitiv ja. Und diese sollte von Wissenschaftlern der Informatik eingestellt werden, um deutlich zu machen, wie nah die Welt an einem kybernetischen Erstschlag steht, welcher aus dem Krieg der Geheimdienste einen offenen Krieg mit strategischen Zielen in der realen Welt machen würde.

Auf welcher Uhrzeit würde diese Uhr heute stehen? Wir vom Autorenkollektiv Klaus Wallenstein haben uns auf ‚1 vor 12‘ geeinigt. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass es den Geheimdiensten mit dem Angriff auf die SIM-Schlüssel von Gemalto gelungen ist, das Projekt ‚Zersetzung von Sicherheit und Ordnung im Internet‘ einen großen Schritt voranzubringen. Die Plünderung deutscher Hersteller steht übrigens schon im Zeitplan von NSA und GCHQ, wenn dies nicht schon längst geschehen ist. Erstaunlich, dass sich die deutsche Wirtschaft so einfach zum Abschuss freigeben lässt durch eine tatenlose Bundesregierung.

Und was macht die digitale Bürgerrechtsbewegung in der Zwischenzeit? Dort werden Mailinglisten sortiert und Diskussionsräume eingerichtet! Na – immer noch besser als nichts tun.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Web 3.0 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s