Res Publica Infantilis


Als die Eltern spät am Abend nach Hause kamen, lag das Kind auf dem Wohnzimmersofa, eingeschlafen und vollständig von einer Decke bedeckt, die Wohnzimmerlampen hell erleuchtet. Auf Nachfrage der Eltern erklärte das Kind, vor lauter Angst habe es nicht weiter schlafen wollen, sondern wollte auf dem Sofa auf die Eltern warten. Um nicht einzuschlafen, habe es das Licht angelassen. Aber die Stille im Haus habe dem Kind Angst gemacht, so dass es unter die Decke gekrochen sei.

Soweit lässt einen die kindliche Logik hier schmunzeln. So wenig ist uns vom Autorenkollektive Klaus Wallenstein zum Lachen zu Mute, wenn wir mal wieder die Infantilisierung der Politik beklagen MÜSSEN. Dass sich eine Verweigerungshaltung zum Erwachsen-werden, eine Huldigung des Jugendwahns und das Leugnen natürlicher Reife der Persönlichkeit immer stärker hineinfressen in das Bewusstsein von Bewohnern der westlichen Hemisphäre, ist längst ein Allgemeinplatz.

Und eben da, wo das Kind sich die Decke über den Kopf zieht, um den Nachtschreck aus den Augen zu bekommen und aus dem Sinn zu halten, da verweigert sich der aufgeklärte Mensch des 21. Jahrhunderts einer Wahrnehmung der politischen Realität – trotz Internet-Vollzugriff auf das Wissen der Welt. Dabei purzeln die Beispiele kindlichen Politikbewusstseins in diesen Herbstwochen durch die Schlagzeilen wie die reifen Birnen aus herbstlichem Geäst:

  • Seit fast einem Jahrzehnt ist aktenkundig, dass deutsche Automobilhersteller Abgastests manipulieren und dabei von der Politik gedeckt werden. Es grassiert bis in die Bundesregierung hinein eine latente Korruption, angetrieben von Drehtür-Lobbyisten wie Eckart von Klaeden und Matthias Wissman. Dass ausgerechnet das Kraftfahrtbundesamt, Hauptverursacher des Skandals wegen Totalsversagens bei der Abgaskontrolle, sich nun an die Spitze der Aufklärer setzen will, ist lächerlich.
  • Seit vier Jahren tobt ein Bürgerkrieg in Syrien. Die Kriege in Afghanistan und Irak haben Millionen Tote und Flüchtlinge zur Folge. Die Lager in der Türkei, dem Libanon und Jordanien sind überfordert. Das UN-Flüchtlingshilfswerk musste kürzlich die Aufwendungen an Flüchtlinge kürzen – aus Geldmangel. Der Gaza-Streifen droht nach UN-Angaben bis 2020 unbewohnbar zu werden.Die Türkei greift die Kurden bis in den Irak hinein an. Und in Deutschland wundern sich Politik und Bevölkerung über die hunderttausende Menschen, die als Flüchtlinge über die Grenzen strömen. Diese Massen an Flüchtlinge – so die Bundesregierung wie die Ministerpräsidenten der Länder – habe niemand vorher sehen können.
  • Seit die Fischerei in europäischen Hochsee-Gewässern stark reglementiert ist, räumen die europäischen Fangflotten die Fischgründe an den Küsten Afrikas leer – unter tatkräftiger Mithilfe von Chinesen und Japanern. Die afrikanischen Fischer haben das Nachsehen und ändern ihr Geschäftsmodell – zu Piraten oder Mittelmeer-Schleusern. Und in Deutschland wundert man sich, warum so viele Menschen aus Afrika nach Europa kommen.
  • Billige europäische Waren überschwemmen afrikanische Märkte, ohne dass sich die Regierungen dort dagegen wehren können – dank Freihandelsabkommen, die den Afrikanern von der EU aufgezwungen wurden. Dies hat in Afrika zur Folge, dass ganze Branchen von Landwirtschaft bis Handwerk vernichtet werden. Die Arbeitslosen suchen dann ihren Weg nach Europa in der Hoffnung, dort eine besser Zukunft zu finden. Und in Deutschland wundert man sich, warum die Entwicklungshilfe nicht fruchtet. Dabei wird ganz vergessen, dass der letzte Entwicklungshilfe-Minister Dirk Niebel mehr für Rüstungskonzerne gearbeitet hat, als die Lebensbedingungen in der Dritten Welt zu verbessern.

Diese massive Realitätsverweigerung der westlichen Welt ist ekelhaft und zynisch. Sie ist das fehlende Puzzlestück, das den globalisierten Kapitalismus erst ermöglicht. Denn der enthemmte Selbstoptimierer, der ‚Mir-muss-es-gut-gehen“-Hedonist ist der ideale Konsument für eine Wirtschaftsstrategie, die auf Sklavenhaltung und Rohstoffausbeute fußt. Wie menschenverachtend ist es, ganze Weltregionen dadurch ins Elend zu treiben, dass man die billigen Rohstoffe unter großer Umweltzerstörung außer Landes schafft, daraus in Europa Waren produziert, um diese unter Zerstörung der Wirtschaft in den Rohstoffländern zurück zu exportieren? Wie kann man sich wundern, dass es die leidtragenden Menschen nun als ‚lebendigen Rohstoffstrom‘ ebenfalls nach Europa und Deutschland zieht, um ihr Recht auf ein gutes Leben direkt vor der Tür des Sklavenhaltes einzuklagen?

Auch in unser beschauliches Drensteinfurt spülen die Stürme der Zeit diesen ‚menschlichen Rohstoff‘ an den Strand des kleinen Paradieses, das wir so mannhaft verteidigen wollen gegen alle bösen Geister und Gedanken, die uns in unseren Träumen quälen. Inzwischen ist dieses Treibgut so zahlreich, dass die Stadt keine Unterkünfte mehr findet und auf Matratzenlager zurück greifen muss. Aber ist nicht der Mensch und sein Wissen der wichtigste Rohstoff, mit dem Deutschland seine Wohlstand erwirtschaftet? Wer eine Ahnung davon bekommen möchte, wie sorgfältig in unserem Land mit dieser raren Ressource umgegangen wird, der kann sich ja mal ein paar Schulgebäude, insbesondere die Toiletten anschauen. Dort wird Politikversagen nicht nur greifbar – es lässt sich auch direkt am Geruch erkennen.

So verrottet wie die Lehrgebäude ist auch die Haltung der Mehrheit der Deutschen. Diese Mehrheit begrüßt nun mal nicht die Flüchtlinge an Bahnhöfen, engagiert sich nicht in Eine-Welt-Gruppen, stemmt sich nicht gegen den Zerfall der Bildungs-Infrastruktur, fordert nicht die gerechte Besteuerung und das Bestrafen von Steuerflucht. Die ungarische Kamerafrau an der Grenze zu Serbien ist die eigentliche Symbolfigur, die in wenigen Bildern die Einstellung der Mehrheit in diesem Europa zu Ausdruck bringt: Man geht seiner Arbeit nach, um den eigenen Wohlstand zu sichern. Wenn dann noch Zeit leibt, wird nach unten gegen Flüchtlinge getreten.

Wer tatsächlich glaubt, dass es hier und jetzt in Europa eine Stimmung gäbe, die die Verhältnisse zu Gunsten einer aufgeklärten Gesellschaft ändern würde, der irrt nicht nur – der ist fahrlässig naiv. Merkels Umfragewerte fallen. Die FPÖ gewinnt Wahlen in Österreich. Orban und Seehofer verbrüdern sich. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis nach den behördlichen Asylhürden auf dem letzten Flüchtlingsgipfel auch die Stacheldrahtzäune an Europas Außengrenzen weiter wachsen werden. Derweil grassiert die Steuerflucht und der drohende Freihandel lässt bald die Korken knallen in den Etagen der Wirtschaftskonzerne.

Ein infantiles Europa mauert sich ein. Es schafft sich ein Bollwerk angetrieben von Realitätsverlust, Versagen und Angst. Diese Werk ist ein Grabmal – für die Hoffnungen, Werte und Visionen, die ein reifes Europa eigentlich begründet hatten. Und es gibt keine Zivilgesellschaft, die sich diesem Tun konsequent entgegen stellt – bis hin zu einer politischen Entscheidung an der Wahlurne.

Die Zeugnisse der römischen Angst und Realitätsverweigerung sind heute noch als Limes-Ruinen u.a. in Bayern zu bewundern. Der ekelhafte Grenzzaun in Ungarn wird bereits in wenigen Jahren verrottet und am Ende des Jahrhunderts spurlos verschwunden sein. Unser Europa als Res Publica Infantilis auch!

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