Bunkerdeutschland!


Ein Kurzdrama in drei Auftritten mit Chor und Epilog.

Erster Auftritt: Der Bunkerdichter

Der Schriftsteller, Dramatiker und Hobbyschäfer Botho Strauss veröffentlicht im SPIEGEL eine als Glosse getarnte urdeutsche Sekretmixtur aus Geschichtsblut, Wuttränen und Angstschweiß.

„Ich möchte lieber in einem aussterbenden Volk leben als in einem, das aus vorwiegend ökonomisch-demografischen Spekulationen mit fremden Völkern aufgemischt, verjüngt wird, einem vitalen.“
Botho Strauss, SPIEGEL

Dieses übel riechende und hochtoxische Gemisch führt zu unerwartet starken Abwehrreaktionen in den einschlägigen Feuilletons. Während in der FAZ noch die konservativ-rechten Grundtöne goutiert werden und lediglich Strauss‘ Rolle als ‚letzter Deutscher‘ hinterfragt wird, geht es in DIE WELT ans Grundsätzliche.  Dort beantwortet Richard Kämmerlings die Frage ‚Was ist deutsche Überlieferung?‚ und zerlegt damit einen der Kernthesen des SPIEGEL-Textes. Kämmerlings stellt unmissverständlich fest, dass die von Strauss beschworene geistige Tradition „zum Säuberungsinstrument der historischen Fatalität, zum Allzweckwaschmittel für alle dunklen Flecken der Nationalgeschichte“ wird. Das Ergebnis:

„Aber von heute aus gesehen ist es gar nicht entscheidend, ob die deutsche Romantik oder Wagner-Opern oder Preußens Militarismus am ‚Dritten Reich‘ direkte oder indirekte Mitschuld tragen oder nicht. Weltkrieg und Holocaust sind geschehen. Und eben sie sind – in ihrer einzigartigen Monstrosität – ein entscheidender Teil der deutschen Überlieferung und werden es sein, solange es dieses Land gibt.“
Richard Kämmerlings

Und eben dieses Nicht-erkennen bzw. die seit Jahrzehnten andauernde Uneinsichtigkeit ließ Strauss in bester deutscher Tradition zu einem wahren deutschen Bunkerdichter reifen.

Folgerichtig erkennt Johano Strasser im Deutschlandfunk in Strauss‘ ‚Glosse‘  einen rückwärtsgewandten Text „getragen von kulturellem Schmerz und einer Untergangserwartung“. Im letzten Stadium wird des Dichters Geist dann zum privaten Bunker:

„Ich habe immer den Eindruck beim Lesen: Hier spricht ein sehr vereinsamter, sich selbst in seiner Einsamkeit auch stilisierender Mensch.“
Johano Strasser

Selbst wenn sich Menschen an die Öffentlichkeit wagen, um Strauss‘ kruden Textschwall zu verteidigen – wie im Deutschlandfunk durch Martin Mosebach im Gespräch mit Christopher Heinemann  – führt dieses Ansinnen lediglich zur weiteren Stabilisierung der Beton-Stahl-Kontruktion des Bunkerdichters:

Mosebach: … Ich meine, der Text ist gar nicht so leicht, den er da für den „Spiegel“ geschrieben hat. Es ist erstaunlich, dass der „Spiegel“ glaubt, dass seine Leser so was lesen können. Die deutschen Feuilleton-Redakteure können ihn überwiegend nicht lesen.
Heinemann: Was haben sie genau missverstanden?
Mosebach: Ja Gott, sie haben diese ganze Ambivalenz, sie haben die Ambivalenz dieses Textes, dass das eine Klage über den kulturellen Zustand Deutschlands ist und nicht eine Abwehr der Migranten, das haben sie nicht mitbekommen, steht nicht da drin.
Heinemann: Botho Strauß schreibt: „Uns wird geraubt die Souveränität, dagegen zu sein.“
Mosebach: Ja.
Heinemann: Fühlen Sie sich auch beraubt?
Mosebach: Ja. …

Zum Abschluss des ersten Auftritts stellt sich die Frage, warum Botho Strauss überhaupt einen Text veröffentlichen lässt, den außer ihm offensichtlich niemand richtig verstehen kann. Aber wer möchte schon kommunizieren, wenn man sich in einem Bunker wohnlich einrichten kann?

Zweiter Auftritt: Die Regentin

Mittwoch, 21:45. Merkel bei Will. Nichts anderes als historisch ist dieser Auftritt. Er leitet einen Paradigmenwechsel der deutschen Politik ein. In wenigen Sätzen umreißt die Kanzlerin ein völlig neues Politikverständnis und stellt die Reste konservativen Gedankenmaterials nicht nur in Frage: Die Vorsitzende der CDU wischt die verstaubte Unions-Agenda einfach vom Tisch und katapultiert – mehr sich als die Partei – in die Moderne:

„Ich möchte mich nicht beteiligen an einem Wettbewerb ‚Wer ist am unfreundlichsten zu den Flüchtlingen?‘ und dann werden sie schon nicht kommen.“
Angela Merkel

„Wir halten Sonntagsreden. Wir sprechen von Werten. Ich bin Vorsitzende einer christlichen Partei. Und dann kommen Menschen aus 2000 km zu uns und dann muss man sagen: ‚Hier darf man kein freundliches Gesicht mehr aufsetzen‘?“
Angela Merkel

„Es zeigt sich plötzlich, dass Menschen so um ihr Leben rennen, dass diese weiten Strecken plötzlich zusammenschrumpfen und sie bei uns in die Europäische Union kommen. Das heißt, dass wir Teil dieser Konflikte werden und gar nicht mehr zwischen Innen- und Außenpolitik unterscheiden können.“
Angela Merkel

„Sie können die Grenzen nicht schließen. Wir haben 3000 Kilometer Landgrenze. Dann müssen wir einen Zaun bauen. Es gibt den Aufnahmestopp nicht.“
Angela Merkel

„Und so werden wir uns jetzt bei anderen Konflikten vermehrt einsetzen, wo wir bisher gedacht haben: Fernseher eingeschaltet, Syrien Konflikt geguckt. Es wird sich schon jemand kümmern. Und wir uns nicht so gekümmert haben.“
Angela Merkel

„Das, was uns auszeichnet, dass jeder Mensch eine Würde hat, das dürfen wir da nicht fallen lassen“
Angela Merkel

Anja Maier schreibt dazu in der taz:

„Noch nie, das spürte man, war die Kanzlerin so weit entfernt von ihrer Partei.“

Stefan Kuzmany schreibt dazu auf SPIEGEL Online:

„Diese Kanzlerin hat doch einen eigenen Standpunkt – und den vertritt sie, ohne dabei auf ihre Umfragewerte zu schielen. Angesichts Tausender Menschen, die aus Krieg und Not nach Deutschland kommen, setzt Merkel auf Freundlichkeit und Offenheit, auf die Pflicht zur Solidarität, man könnte auch sagen: auf eine protestantisch geprägte christliche Nächstenliebe. Seltsamerweise scheint sie damit den Linken im Lande näher zu stehen als ihren eigenen Leuten, die doch die Christlichkeit im Parteinamen führen.“

Thorsten Denkler schreibt dazu auf sueddeutsche.de:

„Die Entscheidung war richtig. Sie ist richtig. Sie war ein Akt der Humanität. Überraschend ist die Kehrtwende auch nicht. Solche Manöver hat Merkel schon früher vollzogen. Etwa als sie nach dem Atom-Unfall von Fukushima der Atomkraft abschwor. Oder als sie die Familienpolitik der CDU reformieren ließ“

Die Wählerinnen und Wähler erkennen Ihre Kanzlerin plötzlich nicht mehr wieder. Die Zustimmung im Volk sinkt – und dass zu einem Zeitpunkt, als Angela Merkel endlich eine klare Haltung zeigt und ihren Landsleuten etwas abverlangt. Ein beängstigendes Verhältnis vieler Bürgerinnen und Bürger zu Staat, Politik und Demokratie wird damit zum Ausdruck gebracht. Drohend leuchtet der Schriftzug der ‚Kanzlerinnen-Dämmerung‘ in den Glaskugeln politischer Meinungsmacher.

Für die Parteigänger der Union ist dieses Interview nichts weniger als ein Modernisierungs-Schock, wie ihn abgeschiedene Ureinwohner in Papa-Neuguienea wohl beim Anblick von modernen Hubschraubern erleiden.

Chor der Bunkersänger

Nicht minder hart trifft die neue Unbeugsamkeit der Luther-Kanzlerin die rechts-konservativen Bänkelschreiber ins Mark. Die Journaille, die noch vor kurzem die Abgeklärtheit  – oder Nicht-Politik – Merkels als Beweis von höherem Krisenmanagement sezierten, stehen nun je nach Beisslaune herum wie der Hund ohne Herrchen oder das Hammeltier ohne Leitbock.

Michael Hanfeld von der FAZ ist dabei nicht der einzige, der sich plötzlich allein gelassen und bedroht in einer weiten politischen Landschaft wieder findet:

„Die Widersprüche, in die sich Angela Merkel im Laufe der Therapiesitzung bei Anne Will verwickelt, sind sonder Zahl. Auf jeden Mantra-Satz folgt ein Gegen-Satz. Die Journalistin fragt das alles brav heraus und hakt es ordentlich und freundlich lächelnd ab.“
Michael Hanfeld

Alexander Kissler im CICERO versucht sich gar an der Verzwergung der Katastrophen, Bürgerkriege und Völkermorde, die die Menschen nach Europa treiben, und fragt allen Ernstes, warum diese Krise weder steuer- noch berechenbar ist:

„Merkel gab die herzliche Notarin eines Landes, über das das Schicksal ein unbegreifliches Fatum verhängt hat. Sie suspendierte die Kategorie des Politischen und zog sich zurück auf das reine Verwalten. Ihre Lieblingswörter in dem einstündigen Duett hießen Ordnung und Struktur. Beide gelte es wiederzugewinnen. Auf Wegen freilich, die dem Unvergleichlichen der Schickung nichts anzuhaben vermögen.“
Alexander Kissler

Unterstützt wird Kissler von Stefan Aust, Herausgeber DIE WELT, der eine Kanzlerin erkennt, die ihre Macht aus den Händen gibt:

„Angela Merkel gilt als die mächtigste Frau der Welt. In der Flüchtlingsfrage gibt sie sich machtlos: Ihre These, es läge nicht in unserer Hand, wie viele Flüchtlinge zu uns kommen, ist ebenso falsch wie gefährlich.“
Stefan Aust

Diese und andere singende Bewohner der dunklen Bunkerwelt irren wie blind durch die Ungewissheit, die sich ‚Zukunft‘ nennt. Jede heraus gesungene Textzeile trieft vor Sehnsucht nach Führung, Berechenbarkeit, rechteckigen Lösungen und undurchdringbaren Wänden. Wänden, an denen die Projektoren der Massenmedien flackernde Bilder von  Bränden in Flüchtlingsheimen, ertrunkenen Säuglingen an Mittelmeerstränden, vergewaltigten Frauen auf der Westbalkan-Route und zerfurchten Gesichtern unter wild-grauen Männerbärten werfen. Es ist eine weltabgewandte Sehnsucht nach dem Bunker, der den Ton angibt, ein überlieferter Ton, ein Ton romantischer, deutscher Tradition.

Dritter Auftritt: Der Bunkerfürst

Der Bunkerfürst hat keine Zeit für Romantik und Tradition. Er kämpft um die Macht und zum Zwecke der Zielerreichung kämpft er für Deutschland. Sollte dieses – ihm fremde – Land diesen Kampf nicht wollen, dann kämpft er halt um Bayern. Dieses Land will immer kämpfen. Dafür ist es ja auch dunkel genug in den Alpentälern.

Der Bunkerfürst kennt die Zündtemperaturen der gängigen Brandbeschleuniger und hantiert im Bunkerdunkel mit den rot-goldenen und weiß-blauen Funken. Er hat die hintersten, eckigen Winkel im Schädel seiner Untertanen ausgemessen und vermag sie zu füllen mit würfelgestanzten Lösungen. Man hört ihn angaloppieren und weiß, dass er den Ausfall aus seinem Reich vorbereitet, den Angriff auf die lichte Welt der Regentin.

Ein Bunkervolk jubelt ihm zu. Diese Menschen sind ihm formbares Schild und Schwert. Er verprasst die Reichtümer seines Landes und schmiedet die eisernen Lehen, die in guter deutscher Tradition die Stiernackigen gen Untergang ziehen werden. Der Bunkerfürst wird dabei angetrieben von den Technikern in den Fahrstühlen, die den Verkehr zwischen Unterwelt und Bunker steuern.

Der Bunkerfürst ist voller Ungeduld. Er weiß, dass auch ihn die Fahrstühle hinab befördern können. Er hört die Dichter und die Chöre, deren Stimmen mehr und mehr die Bunkerwelt füllen. Er ist wie ein Raubtier, das auf den richtigen Moment wartet, um sein Wild zu reißen.

Seehofer droht, die Bundesregierung vor dem Verfassungsgericht zu verklagen, sollte der Bund nicht bald wirksame Maßnahmen zur Begrenzung des Zuzugs von Asylbewerbern ergreifen.

Epilog

Die Verleihung des Friedensnobelpreises an die tunesische Dialoggruppe ist die erste europäische Maßnahme seit dem Merkel-Will-Interview, um Fluchtursachen im arabischen Raum zu bekämpfen – durch Stärkung der Zivilgesellschaft.

Das Grundgesetz wird in ersten Flüchtlingsheimen auf arabisch plakatiert. In bayrischen Alpentälern planen Goethe-Institut und die Bundeszentrale für politische Bildung eine ähnliche Aktion – das Grundgesetz in bayrischer Mundart.

Über 500 Angriffe gegen Flüchtlinge und ihre Unterkünfte zählte die Polizei allein in diesem Jahr.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Weltbürgerkrieg veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s