Mut statt Zäune!


Europa befindet sich im Krieg. Denn wenn Bomben fallen, Menschen abgeschlachtet werden, ganze Regionen der Erde sich auf der Flucht befinden, Kinder auf den Schleuser-Routen ertrinken, Frauen vergewaltigt werden in ungesicherten Zeltunterkünften – da herrscht kein Frieden.

Dass diese mit Waffen ausgetragenen Konflikte als „Weltbürgerkrieg“ lange Zeit von uns ignoriert wurden, ist beileibe kein Zufall, wie dieser Artikel aus dem Jahr 2014 deutlich macht:

„Rund 86 Prozent aller Flüchtlinge fanden 2013 Zuflucht in Entwicklungsländern; dies sei „der höchste Wert seit 22 Jahren“, konstatierte UNHCR trocken.

Und die Flüchtlingspolitik der EU wird auch weiterhin dafür sorgen, dass dies so bleibt. Derzeit wird laut einem Bericht des britischen „Guardian“ die Errichtung von „Aufnahmezentren“ in Nordafrika und dem Nahen Osten in Brüssel debattiert. Griechenland und Italien würden diese Idee während ihrer Ratspräsidentschaften forcieren, hieß es in dem Anfang Juni veröffentlichten Bericht.“
Tomasz Konicz, Im Weltbürgerkrieg, 25.08.2014

Dabei ist der Zerfallsprozess des Nahen und Mittleren Ostens in dem Artikel von Konicz bereits deutlich beschrieben:

„Die Ursprungsländer dieser anschwellenden Flüchtlingsströme sind vor allem die ‚gescheiterten‘ oder in Auflösung begriffenen Staaten des Nahen und Mittleren Ostens und Afrikas: 53 Prozent aller außerhalb ihrer Ursprungsländer gestrandeten Flüchtlinge kommen laut UNHCR aus Afghanistan, Syrien und Somalia.

Die den arabischen Raum erschütternden staatlichen Zerfallsprozesse spiegeln sich auch in den vorläufigen Zielländern dieser Flüchtlingsströme: Die meisten Vertriebenen vegetierten 2013 in Pakistan (1,6 Millionen), Iran (857.000), Libanon (856.000), Jordanien (641.000) und der Türkei (609.000).“
Tomasz Konicz, Im Weltbürgerkrieg, 25.08.2014

Dieser Krieg wurde nicht nach Europa getragen durch die Flüchtlinge – er war längst hier. Die Menschen, die nun in Scharen Schutz suchen in Deutschland, Schweden und Österreich demaskieren lediglich unsere alltäglichen Biedermeier-Lügen:

  • Wenn der Nahe Osten unter den Waffen der Kriegsparteien zerfällt, ist jeder daran beteiligt, der Waffen in diese Region liefert – auch Deutschland
  • Wenn die Menschen in den Flüchtlingslager aufgrund von Geldmangel keine Lebensperspektive sehen, sich zur Flucht aufmachen oder radikalen Armeen anschließen, dann versagen alle jene Ländern, die mit wenig Geld viel Gutes hätten tun können in den UNHCR-Flüchtlingslagern – auch Deutschland.
  • Wenn die Reichweite politische Strategien für den Nahen Osten und für Nordafrika lediglich bis zum nächsten Wahltermin ausgelotet wird, dann versagen alle jene Länder, die Egoismus vor Nachhaltigkeit setzen – auch Deutschland.

Dieser Krieg ist dabei in letzter Konsequenz eine Fortschreibung der Zerstörungskräfte, die nach den ökonomischen Feldzügen gegen Europa und Griechenland nun auch unmittelbar zu menschlichen Opfern führt:

„Diesen verzweifelten, ausgestoßenen Menschenmassen eines in Agonie befindlichen kapitalistischen Weltsystems wird gar keine andere Option bleiben, als die Flucht in die wenigen Zentren, die noch nicht in Anomie versinken. Das global anschwellende Flüchtlingselend stellt das Endprodukt der Weltkrise des Kapitals dar, das – an seinen inneren und äußeren Widersprüchen kollabierend – eine buchstäblich überflüssige Menschheit produziert.“
Tomasz Konicz, Im Weltbürgerkrieg, 25.08.2014

Diesem Krieg muss und kann man sich stellen, denn er ist keine Naturkatastrophe, sondern Menschen-gemacht. Er ist eine große Herausforderung und erschüttert Europa in seinen Grundfesten – in seinen Werten. Die Menschen fliehen dabei nicht wegen eines Taschengeldes von 4,75 € pro Tag, sondern weil schlichtweg das System keine andere Überlebenschance mehr bietet. Wo die Griechenland-Krise von den regierungsamtlichen Spin-Doctors auf beiden Seiten von Kamera und Mikrophon noch als rein ökonomisches Schlachtfeld gedeutet wurde, stehen nun in der Flüchtlingskrise angesichts der massenhaft ertrinkenden Männer, Frauen und Kinder andere Kategorien auf dem Spiel: Werte, Moral, Haltung – ja, und Anstand!

Jedes Leben ist unendlich wertvoll und in seiner individuellen Würde zu bewahren. Das ist die rote Linie, die es in Europa zu ziehen gilt. Und das ist die Haltung, die Deutschland einzunehmen und in Europa zu vertreten hat – denn genau dies ist der Auftrag, der uns Deutsche im ersten Satz des Grundgesetzes eingeschrieben ist.

„Die würde des Menschen ist unantastbar.“ Sie zu achten und zu schützen ist nicht nur Verpflichtung aller staatlichen Gewalt – sondern erfordert auch Mut. Viele Menschen in diesem Land bringen diesen Mut auf und machen deutlich, dass Herausforderungen in Kriegszeiten gemeinsam bewältigt werden können.

Die Angsthasen-Armeen in den Parteizentralen von AfD, CSU und CDU wollen nicht nur einen Zaun – sie wollen auch ein anderes Deutschland, ein anderes Europa. Sie wollen keine Würde, sondern ethnische Zugehörigkeit. Sie wollen keine Freiheit, sondern nationale Konformität. Sie wollen kein warmes Willkommen, sondern die lodernden Flammen, in denen wieder einmal das ‚helle Deutschland‘ zu Papierasche verbrennt.

Wir werden in den nächsten Wochen und Monaten, in einem kalten Kriegswinter, viele Menschen sterben sehen – im Mittelmeer vor Lesbos, im Schlamm auf der Balkan-Route, in den kalten Wassern bayrischer Grenzflüsse. Es kostet Mut, sich für jeden einzelnen Flüchtling einzusetzen in einer unsicheren kriegerischen Epoche. Doch am Ende kann es für uns nur einen Maßstab geben: Wie viele konnten wir retten vor dem Tod am Zaun?

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Eine Antwort zu Mut statt Zäune!

  1. HansDampf schreibt:

    „Wenn der Nahe Osten unter den Waffen der Kriegsparteien zerfällt, ist jeder daran beteiligt, der Waffen in diese Region liefert – auch Deutschland“

    #notinmyname

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