Kämpft endlich, Ihr Weicheier!


Sie haben es wirklich getan! Großbritannien – also zumindest England und Wales – haben sich von der Idee einer Europäischen Union verabschiedet. Damit hat das Ex-Empire Europa in eine politische und ökonomische Krise gestürzt. Es nützt jetzt auch nichts mehr, dass schon wenige Stunden nach der Entscheidung die nationalistischen Brexiteers ihre ersten Lügen einkassieren müssen, mit denen sie den Wahlkampf dominiert und letztendlich für sich entschieden haben.

Viel interessanter ist nun, dass ausgerechnet die jungen Briten – neben den Schotten und Nordiren – für ein Verbleib in der EU gestimmt haben. Und damit erzielt der ‚weiße, alte Mann‘, jene gesellschaftliche Missgeburt, die aus Angst vor der Zukunft von einer nie existenten Vergangenheit träumt, einen weiteren spektakulären Erfolg.

Ja – man muss sich schon Sorgen machen, wenn ausgerechnet die FAZ zur Rebellion aufruft. Mathias Müller von Blumencron zitiert in seinem Artikel einen Leserbrief aus der ‚Financial Times‘ folgendermaßen:

„Die jüngere Generation hat gerade das Recht verloren, in 27 anderen Ländern zu leben und zu arbeiten. Wir werden niemals das ganze Ausmaß der verlorenen Chancen, Freundschaften, Ehen und Erfahrungen wissen, die uns jetzt versagt bleiben. Diese Freiheit ist uns gerade genommen worden von unseren Eltern, Onkeln und Großeltern in einem Hieb gegen eine Generation, die ohnehin schon unter der Last der Schulden der Älteren zu kollabieren droht.“

Hannes Schrader schreibt in dem gleichen Tenor auf ZEIT Online:

„In meinem Europa steht kein Grenzer, der mich mürrisch mustert, bildet sich kein Stau an Grenzposten, der mich und meine Freunde auf dem Weg in den Urlaub aufhalten könnte. Sondern nur ein Schild, ein leiser Gruß aus Brüssel, dessen Bürokraten mir wünschen: Hab es schön.“

Schraders hat auch eine Antwort auf die Frage, wie es so weit kommen konnte, wenn doch die Vorteile des Vereinigten Europas so offensichtlich sind:

„Wir waren nicht laut genug, nicht wütend genug.“

Von Blumencron hat dann auch gleich – zur Beruhigung – konkrete Handlungsweisungen zu bieten:

„Es wird Zeit für eine neue Rebellion. Es wird Zeit, dass die Jüngeren wieder härter mit den Älteren abrechnen. Es wird Zeit für einen Aufstand der Zukunfts-Ideen gegen das Rückwärts-Ideal. Es wird Zeit, dass aus den Snapchat-Ichs Menschen erwachsen, die ihre Verantwortung für ihre Zukunft in ihre eigene Hand nehmen und den Populisten Einhalt gebieten.“

Wir vom Autorenkollektiv Klaus Wallenstein wissen, dass Demokratie immer ein Wagnis darstellt – sonst wäre es ja auch Diktatur. Und wir wissen, dass um jeden Fortschritt in der Gesellschaft gekämpft werden muss (wie viele Abgeordnete aus CDU, CSU, FDP und SPD haben in den 90er gegen die Abschaffung der Vergewaltigung in der Ehe gestimmt?).

Und deshalb muss man mit der ‚jungen Generation‘, von der in ZEIT und FAZ gesprochen wird, mal Klartext reden:

Wer zwischen Komasaufen und Bachelor-Geschwafel nur an das Auslandssemester in Neuseeland und Peru denkt, ist unfähig zu erkennen, dass er und sie einen Beitrag zum Gemeinwesen leisten muss, damit es nicht auseinander fällt. Wer Smartphone- und Automarken locker herunter leiern kann und das Ausland aus der Flugzeug- und Club-Med-Perspektive erforscht, ist unfähig, ein politisches Bewusstsein für Geschichte und internationale Beziehungen zu entwickeln. Und wer keine Haltung hat, ist auch nicht in der Lage, sich in einem politischen Diskurs eine eigenen Meinung zu bilden.

Es ist erschreckend, wie verantwortungslos, geschichtslos, uninspiriert und politisch sediert die junge Generation durch ihre Blasenwelt torkelt, in der ein Praktikum bei Amnesty oder Greenpeace das Maximum an Berührung zur Politik darstellt. Das Ergebnis: Kommunalparlament sind leer, Bürgerinitiativen vergreisen, Parteiversammlungen gleichen Altenheim-Bingo-Abenden.

Politik? Uncool – man müsste ja eine Meinung zeigen und sich damit angreifbar machen. Igitt -lassen wir lieber sein und schauen zu, dass wir an der Uni uns in kastrierten Pseudo-Studiengängen selbstoptimieren.

Und jetzt – ach ja – ‚Game of Thrones‘ könnte durch den Brexit gefährdet sein. Diese Serien-Droge zur Flucht aus der ach so grauen Wirklichkeit wird zum Teil in Nordirland gedreht und mit EU-Mitteln subventioniert. So viel pervertierten Eskapismus konnte sich nicht mal Aldous Huxley in ‚Brave New World‘ ausmalen (hat von der verzogenen Jugend dann wohl auch niemand gelesen!). Und wie bitter ist das hier: In der Wahl zum britischen Unterhaus im Mai sind nur 43 Prozent der 18- bis 24-jährigen zur Wahl gegangen. Von den über 65-jährigen waren es 78 Prozent. 2014 bei der Europawahl haben in Deutschland nur 15,1 Prozent der 18- bis 29-Jährigen abgestimmt.

Da haben die smarten SelbstoptimiererInnen ihr eigenes Versagen von langer Hand selber vorbereitet.

Doch um was geht es eigentlich im Moment überhaupt – so zwischen amerikanischem Wahlkampf, Brexit und Koalitionskrise in Deutschland? Matthias Geis und Bernd Ulrich schreiben dazu ziemlich deutlich auf ZEIT Online:

„Offenbar ist die von den rechten Parteien mehr als von den linken vorangetriebene Globalisierung an einem Punkt neuer Wechselseitigkeit angekommen. Nicht mehr nur der Westen globalisiert, exportiert, importiert, interveniert, investiert, bereist und verschmutzt den Rest der Welt, sondern dieser Rest kommt jetzt mit bisher ungekannter Massivität zurück – als wirtschaftlicher Konkurrent, als Terrorist, als Flüchtling.“

Jakob Augstein bringt das ganze in seiner Kolumne näher an Europa heran:

„Das Versprechen der europäischen Gründung lautete: Nie wieder Krieg! Heute muss es lauten: Nie wieder Ungerechtigkeit! Damals ging es gegen Gewalt und Hass. Heute muss es gegen Arbeitslosigkeit und Armut gehen.“

Heute wissen wir klarer als je zuvor: Aus Ungerechtigkeit wächst Wut, aus Wut Hass, aus Hass Nationalismus. Und aus Nationalismus Krieg. Gerechtigkeit ist eine Frage von Krieg und Frieden. Denn wer den Parolen von Faschisten und Nationalisten glaubt, lässt sich auch in einem Krieg verheizen.

Der Brexit war ein Weckruf – doch wozu? Ulrike Guérot kommentiert in der taz dazu:

Wenn wir die EU nicht abwickeln wollen, brauchen wir eine Demokratie, die das Prinzip der Gewaltenteilung endlich ernst nimmt und den allgemeinen Grundsatz der politischen Gleichheit respektiert. Das heißt, die Bürger sind gleich vor dem Recht, bei Wahlen, bei Steuern und beim Zugang zu sozialen Rechten.

Bei Augstein liest sich eben gleiches so:

„Das Ziel ist klar. Man muss es gar nicht die „Vereinigte Staaten von Europa“ nennen. Eine Föderation der Nationalstaaten genügt. Die ersten Schritte sind die gemeinsame Haushaltspolitik, die koordinierte Steuerpolitik, die Stärkung des Europäischen Parlaments und der Kommission. Später eine Brüsseler Regierung, deren Kopf vom Parlament gewählt wird; eine zweite Kammer daneben, als Vertretung der Staaten.“

Geis und Ulrich tappen bei dieser Fragestellung – nach dem neuen Weg – noch im Dunkeln:

„Wenn die Globalisierung jetzt hierzulande ankommt, wenn die Probleme der anderen zu unseren werden, wenn Flüchtlinge in großer Zahl aufgenommen werden sollen – wo soll das enden? Wie sieht ein politisches Konzept aus, das nicht ins ersehnte Gestern führte, aber dennoch in der Lage wäre, die Prozesse zu bändigen, sie auf ein erträgliches Maß zu bringen?“

Der Grund dafür, warum die beiden ZEIT-Journalisten keine Antwort liefern, ist offensichtlich: Sie glauben immer noch, dass die Konservativen eines Tages tatsächlich noch eine Lösung für die von ihnen geschaffenen Probleme präsentieren könnten. Doch das ist und bleibt ein fataler politischer – und jetzt schon historischer – Irrtum.

Und damit ist die Kampflinie geklärt – denn am konservativem Wesen des globalisierten Kapitalismus oder xenophoben Nationalismus kann kein Gemeinwesen genesen. Das sollte den unreifen Zöglingen der Merkel-Jahre, die bisher nur glotzäugig die Leerstellen in politischen Debatten füllen können, endlich mal in die juvenilen Hirnwindungen einsickern: Das Ziel heißt nicht ‚Billigflüge, Powershoppen, Flatrate‘ sondern ‚Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit, Freiheit‘.

Es geht also immer noch um eine linke Utopie, die letztendlich das Leben sicher stellen kann, das gerade die Jugend von heute ‚leistungslos‘ beansprucht -und damit vernichtet. Es wird also Zeit, endlich Flarate-Partys und Billigreisen hinter sich zu lassen, erwachsen zu werden und das Schicksal wieder selber mitzubestimmen. 2017 sind Wahlen in Deutschland – die nach dem Brexit noch mehr mit Bedeutung aufgeladen sein werden. 2017 muss das Jahr der ‚Linken Zukunft‘ werden.

Kämpft endlich, Ihr Weicheier!

 

 

 

 

 

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