Jamaika – das Endspiel: von Schachzügen und Fettnäpfchen


Die entscheidenden Tagen in den Jamaika-Sondierungen zwischen CDU, CSU, FDP und Grüne haben begonnen. Und zur Überraschung aller gibt es nur eine Partei, die sowohl eine Verhandlungsstrategie zu besitzen scheint als auch inhaltliche Themen abliefert: die Grünen

Man muss kein großer Liebhaber der Shakespeareschen Dramenkunst sein, um nicht vor Begeisterung angesichts des Machtpokers laut aufzujauchzen. Drohte am Sonntag noch eine kurze Zeit der dramatischen Lähmung – der Literaturwissenschaftler spricht da auch gerne vom retardierenden Moment – wirkt zwei Tage später die Gefechtslage wie ein sorgsam geplanten Angriff der Grünen auf die Glaubwürdigkeit der Koalitionspartner.

Aber – gehen wir das ganze mal Schritt für Schritt durch

Phase 1: Die FDP lässt die Hosen runter

Zunächst macht Kubicki klar, dass die FDP nichts anderes ist als eine Partei, in der um Posten und Machtanteile gerungen wird. Der Nord-Liberale stellt klar, dass er sich zu höherem berufen fühlt, und entwertet das Amt des Bundestags-Vizepräsidenten zu einem Parkplatz für Testosteron-Politiker:

„Denn ich möchte nicht auf Dauer Bundestags-Vizepräsident bleiben“
Wolfgang Kubicki, FDP, Bundestagsvizepräsident auf Abruf

Nur wenige Stunden später sieht sich Lindner angesichts der akuten Nachrichten gezwungen, zum wiederholten Male mit Neuwahlen zu drohen. Die Hauptstadt-Journalisten kommen gar nicht so schnell mit ihren Schreckens-Kommentaren hinterher, bis plötzlich die Eskalationsschraube nochmals angezogen wird.

Die Kanzlerin schweigt.

Phase 2: Auftritt des schwarzen Ritters

Jürgen Trittin hat dem SPIEGEL am Sonntag ein Interview gegeben, in dem in launiger Manier jeder mögliche Koalitionspartner so tief durch den Kakao gezogen wird, dass eine Kernschmelze in der bayerischen Staatskanzlei befürchtet werden muss. Doch die CSU schafft es in brillanter Manier, sich mit einem Königsdrama auf der Amateurbühne einer jugendlichen Laienspielschar für Stunden aus dem Sondierungs-Diskurs abzumelden.

Die Kanzlerin schweigt.

Phase 3: Klassischer Fettnapf-Schachzug – und keiner merkts

Noch brodelt es südlich der Mainlinie. Kubicki und Lindner tauschen an Berliner Herrengedecken Adressen für Escortdienste aus. Die Kanzlerin wälzt Rezepte für eine Kartoffelsuppe. Da platzt die Nachricht in die wohlsortierten Gefechtsreihen an der Spree: Die Grünen geben Positionen im Bereich Klimaschutz und Verkehrswende auf. In seiner schwäbischen Hauspostille deutet Özdemir in einem etwas längeren Nebensatz die eigentlich klare Selbstverständlichkeit an, dass man angesichts von geforderter Kompromissbereitschaft nicht auf bestimmte Auslaufdaten für Kohle und Verbrennungsmotor beharren könnte.

Zu diesem Zeitpunk glauben rechte und linke Grünenhasser noch, dass es sich hierbei um einen unabgestimmten Ausrutscher des machtgeilen Realoflügels handeln könnte. Entsprechend laufen die Timelines in den sozialen Medien voll mit intellektuellen Erbärmlichkeiten, die man eigentlich in den Phrasengräbern des letzten Jahrhunderts vermuten würde. Man hätte als cleverer Politiker aufmerken müssen, als selbst die Grünen Parteilinken Hofreiter und Peter sich öffentlich hinter die Haltung des Schwaben-Ökos stellen.

Die Kanzlerin schweigt.

Phase 4: Die Falle schnappt zu

Für die Grünen läuft es wie ein Heimspiel der Fußball-Nationalmannschaft. Die Timelines in den sozialen Medien verlieren den Überblick. Mehrere Grünen-Politiker melden sich zu Wort und schreiben die Kompromiss-Linie fort. Die FDP – immer noch berauscht vom ‚Babylon Berlin‘ – sieht einen Trend in den sozialen Medien und versucht den Wellenritt auf den Hype: Die Liberalen loben die Grünen.

Das ist der Moment, wo der bayrische Bär in Gestalt eines Verkehrsministers die Bühne betritt und zum Gespött der Öffentlichkeit einen Fettnapf-Volltreffer setzt:

„Wenn man Schwachsinnstermine abräumt, dann ist das ja noch kein Kompromiss.“
Alexander Dobrindt, Problembär aus Bayern

Die Kanzlerin schweigt.

Phase 5: Geländegewinne in offener Feldschlacht

Im Rückblick muss man dem orchestrierten Angriff der Grünen auf die Reihen der Sondierungspartner Respekt zollen, wurde dieser doch von einem zeitgleich veröffentlichten Appell der Industrie für den Kohleausstieg flankiert. Die offenen Flanken von CDU, CSU und FDP sind dabei sichtbar zu Tage getreten: vollständige Konzeptionslosigkeit.

Um eines klar zu stellen: Jamaika ist nach diesem Manöver nicht wahrscheinlicher geworden. Doch bereits jetzt wird deutlich, das der Kampf um die Deutungshoheit des Scheiterns begonnen hat. Und hier gelang den Grünen dank brillantem Mannschaftsspiels ein epischer Geländegewinn in offener Feldschlacht.

Und die Kanzlerin schweigt.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.